Lenz


Lenz

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Lenz [lɛnts̮], der; -es, -e:
1. (dichter.) Frühling .
Syn.: Frühjahr.
2. <Plural> (scherzh.) Lebensjahre:
sie zählt zwanzig Lenze.

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lẹnz 〈Adj.; Mar.〉 leer, trocken [<nddt. lens „leer“]

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lẹnz <Adj.> [niederd. lens = leer, vgl. gleichbed. niederl. lens] (Seemannsspr.):
leer, frei (von Wasser).

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I
Lẹnz
 
[althochdeutsch lenzo, zu lang (nach den länger werdenden Tagen)], dichterisch für: Frühling; auch übertragen für: Lebensjahr (sie zählt 17 Lenze).
 
II
Lẹnz,
 
1) Heinrich Friedrich Emil, russischer Physiker deutscher Herkunft, * Dorpat (heute Tartu) 12. 2. 1804, ✝ Rom 10. 2. 1865; begleitete als Physiker den deutschen-russischen Kapitänleutnant O. von Kotzebue auf dessen dritter Weltreise (1823-26). Lenz stellte 1833 die nach ihm benannte Regel für die Richtung eines induzierten elektrischen Stromes auf, gab eine Formel für die Abhängigkeit des elektrischen Widerstandes von der Temperatur an und brachte mittels des Peltier-Effekts Wasser zum Gefrieren.
 
 2) Hermann Karl, Schriftsteller, * Stuttgart 26. 2. 1913, ✝ München 12. 5. 1998; studierte in Heidelberg und München u. a. Kunstgeschichte und Germanistik; als Soldat im Zweiten Weltkrieg, bis 1946 in amerikanischer Gefangenschaft, 1951-71 Sekretär des Süddeutschen Schriftstellerverbandes. Von wenigen frühen Veröffentlichungen abgesehen (»Gedichte«, 1936), begann sein literarisches Schaffen nach dem Krieg mit dem Roman »Das doppelte Gesicht« (1949). Für ein größeres Publikum wurde Lenz erst in den 70er-Jahren entdeckt. Sein Hauptwerk ist der Romanzyklus um den Schriftsteller Eugen Rapp. Mit sparsamen Mitteln, in lyrischer, mit traumhaften Bildern durchsetzter Sprache schildert er sein literarisches Alter Ego aus der Perspektive unterschiedlicher Figuren: »Verlassene Zimmer« (1966), »Andere Tage« (1968), »Neue Zeit« (1975), »Tagebuch vom Überleben und Leben« (1978), »Ein Fremdling« (1983), »Der Wanderer« (1986), »Seltsamer Abschied« (1988), »Herbstlicht« (1992), »Feriengäste« (1994), »Freunde« (1997). Lenz' hohe erzählerische Kunst lässt aus scheinbaren Nebensächlichkeiten Wesentliches erwachsen. Er erhielt viele literarische Preise, u. a. 1978 den Georg-Büchner-Preis.
 
Weitere Werke: Romane: Der russische Regenbogen (1959); Die Begegnung (1979); Der innere Bezirk (Trilogie: Nachmittag einer Dame, 1961; Im inneren Bezirk, 1970; Constantinsallee, 1980).
 
Erzählungen: Das stille Haus (1947); Der Tintenfisch in der Garage (1977); Das doppelte Gesicht (1978); Der Letzte (1984); Jung und alt (1989); Feriengäste (1977).
 
Lyrik: Zeitlebens (1981); Zu Fuß (1987).
 
 
Über H. L. Dokumente seiner Rezeption (1947-1979) u. autobiogr. Texte, hg. v. I. Kreuzer u. a. (1981);
 R. Moritz: Schreiben, wie man ist. H. L. - Grundlinien seines Werkes (1989);
 
H. L. zum 80. Geburtstag, hg. v. T. Reche u. H. D. Schäfer (1993).
 
 3) Jakob Michael Reinhold, Schriftsteller, * Seßwegen (Livland) 12. 1. 1751, ✝ Moskau 24. 5. 1792; Sohn eines Pfarrers; studierte in Königsberg Theologie. Als Hofmeister 1771 in Straßburg, wo er durch die Lektüre der Werke Homers, Shakespeares und Ossians wichtige Anregungen empfing; lernte dort Goethe kennen, der ihm zum Vorbild wurde, durch ihn auch J. G. Herder, J. H. Jung-Stilling und J. K. Lavater. Aus der - unerwiderten - Liebe zu Friederike Brion erwuchsen die Gedichte des »Sesenheimer Liederbuchs« (herausgegeben 1835). Im April 1776 kam Lenz nach Weimar, das er nach Differenzen mit Goethe und der Hofgesellschaft noch im gleichen Jahr verlassen musste; reiste - bereits psychisch schwer zerrüttet - wiederholt in die Schweiz, zu den Eltern nach Riga, auch nach Petersburg und Moskau. Nach vergeblichen Versuchen zur Gründung einer gesicherten Existenz starb er in Moskau einsam und im Elend.
 
Lenz ist der typische Vertreter des Sturm und Drang: Seine Werke sind stark von persönlichen Erlebnissen bestimmt. Von überbordender Fantasie und stets subjektivistischen, gesellschaftskritischen und reformerischen Positionen verbunden, gab er sich widersprüchlichsten Stimmungen hin, anklagend, satirisch, stets voller Leidenschaft und Selbstaufgabe. Bedeutend sind seine Dramen »Der Hofmeister oder. ..« (1774) und »Die Soldaten« (1776), die gesellschaftliche Probleme der Zeit diskutieren und moderne Formkonzeptionen vorausnehmen (»antiaristotelische« Szenenfolge, Situationstechnik).
 
Bei den Zeitgenossen stieß Lenz' Werk - nach ersten Erfolgen in der Straßburger Zeit - auf wenig Verständnis. Auch nach der Werkausgabe durch L. Tieck (3 Bände, 1828) beachtete die Literaturgeschichtsschreibung ihn nicht, wohl unter dem Einfluss von Goethes Ablehnung (formuliert im 12. und 14. Buch von »Dichtung und Wahrheit«). Dagegen faszinierten G. Büchner die Kunstauffassung und das tragische Schicksal des Dichters, dessen letzten Lebensabschnitt er in der Novelle »Lenz« (entstanden 1835, gedruckt 1839) gestaltete. Im 20. Jahrhundert vermittelte Lenz vielfältige Anstöße, v. a. für die Dramatiker (F. Wedekind, B. Brecht, H. Kipphardt). Auch die Person des Autors selbst wurde wieder zum literarischen Stoff (P. Schneider, Gert Hoffmann). Eine vollständige Edition der Schriften Lenz' steht noch aus.
 
 
Weitere Werke: Die Landplagen (1769); Anmerkungen übers Theater. .. (1774); Der neue Menoza (1774); Die Freunde machen den Philosophen (1776); Der Engländer. .. (1777); Pandaemonium germanicum (herausgegeben 1819); Der Waldbruder (herausgegeben 1882; Roman-Fragment).
 
Ausgaben: Flüchtige Aufsäzze von Lenz (1776); Gesammelte Schriften, 5 Bände (1909-13); Werke (31980); Werke und Briefe, 3 Bände (1987).
 
 
T. R. Menke: L.-Erzählungen in der dt. Lit. (1984);
 I. Stephan u. H. G. Winter: »Ein vorübergehendes Meteor?« J. M. R. L. u. seine Rezeption in Dtl. (1984);
 H. G. Winter: J. M. R. L. (1987);
 V. Demuth: Realität als Geschichte. Biogr., Historie u. Dichtung bei J. M. R. L. (1994).
 
 4) Oskar, Geograph und Forschungsreisender, * Leipzig 13. 4. 1848, ✝ Sooß (bei Baden, Österreich) 1. 3. 1925; bereiste 1874-77 Westafrika, durchquerte 1879-80 die westliche Sahara von Tanger nach Timbuktu, 1885-87 Afrika vom Kongo bis zur Ostküste bei Kilimane.
 
 5) Peter, als Benediktiner (seit 1872) Pater Desiderius, Maler und Bildhauer, * Haigerloch 12. 3. 1832, ✝ Beuron 28. 1. 1928; Begründer der Beuroner Kunstschule.
 
 6) Siegfried, Schriftsteller, * Lyck 17. 3. 1926; 1943 zur Marine eingezogen, desertierte kurz vor Kriegsende, geriet in britische Kriegsgefangenschaft, lebte ab 1945 in Hamburg, wo er zunächst als Journalist, ab 1951 als freier Schriftsteller arbeitete; gehörte seit 1952 zur »Gruppe 47«. Bereits sein erster Roman (»Es waren Habichte in der Luft«, 1951) ist durch ein später immer wiederkehrendes autobiographisches Moment, eine schlichte Sprache und Zeitnähe gekennzeichnet. Seine Kurzgeschichten sind u. a. von E. Hemingway und W. Borchert beeinflusst. Stoffe und Personen sind oft in der masurischen Heimat angesiedelt (»Heimatmuseum«, 1978). Als Motive kehren immer wieder Verstrickung in Schuld und Verfolgung, Erfahrungen von Unfreiheit, Einsamkeit und Versagen. Sein größter Erfolg - auch international - war der Roman »Deutschstunde« (1968): Die aus der Rückschau des Sohnes erzählte Geschichte über die Willfährigkeit des Vaters unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur macht einem breiten Publikum die Pervertierung menschlicher Verhaltensweisen durch den Nationalsozialismus bewusst. Diese kritisch-engagierte Haltung fand ihre Fortsetzung u. a. in den Romanen »Das Vorbild« (1973), »Exerzierplatz« (1985) und »Die Klangprobe« (1990). Als heiter-unbeschwerter Erzähler erweist sich Lenz in den Geschichten der Bände »So zärtlich war Suleyken« (1955) und »Der Geist der Mirabelle« (1975). Lenz wurde vielfach ausgezeichnet, so 1961 für das Drama »Zeit der Schuldlosen« mit dem Gerhart-Hauptmann-Preis; 1988 mit dem Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.
 
 
Weitere Werke: Romane: Duell mit dem Schatten (1953); Der Mann im Strom (1957); Brot und Spiele (1959); Stadtgespräch (1963); Der Verlust (1981); Die Auflehnung (1994).
 
Erzählungen: Jäger des Spotts (1958); Das Feuerschiff (1960); Lehmanns Erzählungen. .. (1964); Der Spielverderber (1965); Einstein überquert die Elbe bei Hamburg (1975); Ein Kriegsende (1984); Das serbische Mädchen (1987); Ludmilla (1996).
 
Hörspiele: Das schönste Fest der Welt (1956); Der Gesandte (1964); Haussuchung (1967).
 
Essays: Beziehungen (1970); Elfenbeinturm und Barrikade (1983); Dostojewski - Der gläubige Zweifler (1988); Über das Gedächtnis. Reden und Aufsätze (1992); Mutmaßungen über die Zukunft der Literatur (2001).
 
Ausgaben: Die Erzählungen 1949-1984, 3 Bände (1986); Werkausgabe in Einzelbänden (1996 ff.).
 
 
S. L., hg. v. H. L. Arnold (21982);
 
S. L. Werk u. Wirkung, hg. v. R. Wolff (1985);
 T. Reber: S. L. (31986).

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Lẹnz, der; -es, -e [mhd. lenze, ahd. lenzo, zu 1lang, nach den länger werdenden Tagen]: 1. (dichter.) Frühling: der L. ist da; Ü der L. des Lebens (die Jugend); *einen sonnigen/schönen/ruhigen/faulen usw. L. haben; einen ruhigen/faulen/schlauen usw. L. schieben (salopp abwertend; ein angenehmes, bequemes Leben bzw. eine leichte, bequeme Arbeit haben): du hast vielleicht einen [schönen] L.!; sich <Dativ> einen schönen L. machen (salopp abwertend; sich das Leben bzw. die Arbeit bequem machen): Winter auf Mallorca erinnert zuallererst an Omis und Opis, die sich in südlichen Gefilden einen schönen L. machen (tango 9, 1984, 54); ... vom Schicksal des invaliden Werkzeugmachers Franz Rothmann, der ... die fette schwarze Mama Bonzo als seine Ehefrau ins Dorf holt und sich mit ihr und dem ... erpressten Geld bis zu seinem Tod einen schönen L. macht (taz 10. 10. 92, 17). 2. <Pl.> (scherzh.) Lebensjahre: sie zählt erst 17 -e; mit 20 -en; dort war Scheinz am Werk, der Humorschreiber, der sonnige Junge trotz seiner vierzig -e (Loest, Pistole 138).

Universal-Lexikon. 2012.

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